Rösters Blick durch die Kaffeebrille

und beschäftigt sich seit 1999 mit allen Kaffeethemen. DerRöster heißt Alex Kunkel und wohnt in Essen »Kontakt

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derRöster gibt seit einigen Jahren Kaffeeworkshops. Seit Juni 2009 im Rahmen des Projekts »KaffeeGarten-Ruhr im GRUGA-Park-Essen«

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Alles durch die Kaffeebrille zu betrachten, bedeutet nicht, damit auch alles erklären zu können.

Dennoch erscheinen einige Dinge in neuem Licht und die aktuelle Berichterstattung zu Kaffee in den Medien widmet sich nur allzu häufig vordergründigem “Styles” und “Trends” im Sinne einer hippen Verbrauchskultur. Kaffee als zweitwichtigstes Handelsgut nach Erdöl ist z.B. als Thema im Wirtschaftsteil der Zeitungen völlig unterbelichtet. Da lohnt es sich einmal hinter die Kulissen zu schauen.

Auch als geschichtlicher Indikator west-östlichen Kulturaustausches  bietet Kaffee Gelegenheit einseitige Sichtweisen auf den Islam zu korrigieren und den Beitrag des “Orients” zum kulturellen Welterbe neu einzuordnen. Diese Betrachtungsweise folgt den Autoren Trojanow/Hoskoté in ihrem Buch “Kampfabsage – Kulturen bekämpfen sich nicht, Kulturen fließen zusammen”: “Tatsächlich bereiteten sie (die arabischen Denker) den Weg für die Trennung von Kirche und Staat und trugen zur Entstehung des freiheitlichen und säkularen öffentlichen Raumes bei, den wir heute für selbstverständlich betrachten und als Triumph der Aufklärung in Ehren halten.” (s.115) Diesen Raum fand man im 15. Jhdt. bereits in den arabischen Kaffeehäusern, was die damaligen europäischen Orientreisenden mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen mußten.

Die Kaffeebohne hat die Welt erobert

Motor der Globalisierung

Der Kaffeehandel war ein Motor der Globalisierung, wie andere Kolonialwaren auch! Entgegen häufig verbreiteter Sichtweise hat die Globalisierung eine lange Geschichte seit 1500, verschärfte allerdings ihr Tempo mit globaler Dramatik für Hunger, Armut und Umweltzerstörung Ende des 20. Jahrhunderts. 1973 begannen die neoliberalen “Chicago-Boys” (Milton Friedmann) bezeichnenderweise im Windschatten der Pinochet-Diktatur in Chile ihr Wirtschaftsprogramm umzusetzen. 1990 markiert der “Washington Consensus” eine neue Stufe der Vergewaltigung der Weltwirtschaft durch die führenden Industrienationen mit Hilfe der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds im Sinne des Neoliberalismus. Parallel hierzu beginnt die weltweite Fairtrade-Bewegung zunächst mit Kaffee als Hauptprodukt alternativen Welthandel zu praktizieren.

Das Erbe des europäischen und deutschen Kolonialismus, besonders in Afrika, fließt gewissermaßen symbolisch in dem Begriff Kiboko (gesprochen Tschiboko)  zusammen. Kiboko heißt heute der getrocknete Rohkaffee in Ostafrika. Kiboko heißt aber auch die schreckliche Nilpferdpeitsche, mit der man die “Schwarzen” auf die Plantagen trieb. Kiboko heißt Nilpferd auf Swaheli. Und Kiboko heißen heute viele afrikanische Touristenagenturen, die den Weißen, den Muzungus, ihr Land zeigen, weil die vielen Hippos (Nilpferde) so interessant sind. Man kann mit Tourismus eben mehr Geld verdienen als mit dem Kaffee, den sich diese Touristen zu Hause in Europa und USA so “trendy” gönnen.
»mehr unter »Welthandel und »Fairtrade

Die großen Themen

kennzeichnen den Weg des Kaffees in ökonomischer, ökologischer,  politischer, kultureller und sozialer Hinsicht.

Die Kaffeegeschichte  kann begriffen werden als großes kulturhistorisches Gesamtkunstwerk. Der Kaffeehistoriker Steven Topik von der University of California, Irvine, schreibt:

Zitat»Warum gerade Kaffee? Man könnte meinen, daß die theoretische Betrachtung der Weltgeschichte durch die Kaffeebrille den Gegenstand eher verdunkelt – aber das ist kein ‘Kaffee-Fetischismus’oder gar der Versuch trendy zu sein im Sinne einer ‘Starbucks-Revolution’.
Kaffee als Ware ist einer ernsthaften Betrachtung wert, weil er über Jahrhunderte hinweg seinen zentralen Platz in der Weltökonomie und im Leben von Millionen Menschen nachhaltig bewahrt hat … im Grunde haben ihn immer die armen Länder für die reichen produziert.”

(Topik/Clarence-Smith: The Global Coffee Economy in Africa, Asia and Latin America, 1500-1989, Cambrige University Press, New York 2003 -  Seite 2, eigene Übersetzung)

Als Getränk

war Kaffee stets Begleiter aller Denker, Revoluzzer und Widerständigen. Die Kaffeehäuser galten immer als die “Pflanzstätten des Aufruhrs”. William Ukers 1935 in seinem Klassiker »All about Coffee«:

Zitat»Wo auch immer er eingeführt wurde, bedeutet er Revolution. Er war das radikalste Getränk der Welt, weil seine Funktion stets darin bestand, die Menschen zum Denken zu bewegen. Und wenn die Menschen anfingen zu Denken, wurden sie den Tyrannen gefährlich.«

Der Fortschritt seit dem 16. Jhdt. nahm immer erst im Kopf Gestalt an. Dabei war das Kaffeehaus ein unerläßlicher Ort und Kaffee unerläßliche Geistesnahrung.

So kann die Kultur des Kaffeetrinkens auch als kleiner Teil der Sozial-und Kulturgeschichte der Moderne gelesen werden

Vom Verbot zum Weltgetränk

Beginnend mit den

eroberte sich der Kaffee und seine Häuser einen festen Platz im Alltag weltweit. Das »Café« als Ort neuer bürgerlicher Öffentlichkeit und Kommunikation findet häufig Erwähnung in der Arbeit von Jürgen Habermas “Strukturwandel der Öffentlichkeit”.

Beim Blick auf die Geschichte von Orient und Okzident

durch die Kaffeebrille ergeben sich recht interessante Einblicke zur jeweiligen Kulturgeschichte, zur allzuoft beschränkten europäischen Sicht auf die Welt, zum kulturellen Grundrauschen Europas, sich durch Dämonisierung und Abgrenzung zum “Orient” und überhaupt zum “Fremden” zu definieren. Kaffee kreuzt Kultur, Geschichte und Ökonomie seit dem 15. jahrhundert als das Getränk der Moderne.

Goethe meinte auch den Kaffee, als er schrieb: “Herrlich ist der Orient / übers Mittelmmeer gedrungen…” und die Brüder Grimm: “Er war das letzte große Geschenk des Orients an den Okzident”. Heute wird das, “was übers Mittelmeer dringt” weniger herrlich und nicht als Geschenk denn als Bedrohung wahrgenommen, der man mit den militärischen Mitteln einer EU-Grenzagentur (FRONTEX) Herr werden müßte.   mehr »Geschichte »Kulturgeschichte

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in einem Interview:

Zitat“Habermas sagt, der öffentliche Raum ist der Ort, wo Politik anfängt.” So ein Ort seien die türkischen Kaffeehäuser gewesen, weshalb er in dem Roman “Rot ist mein Name” auch über die Kaffeehauskultur in Istanbul schreibe. Die Diskussionen über Politik in den Kaffeehäusern sollten absurderweise mit dem Argument unterbunden werden, Kaffee sei ungesund.

Gutenbergs Druck-Revolution erlebte durch die Kaffee-Lesestuben und die kostenlose Zeitungsauslage gesellschaftliche Wirkung. Kaffeehäuser waren Redaktionsstuben, Wissenschaftsclubs, Kontor der Kaufleute. Börsen sind daraus entstanden und Versicherungskonzerne, Revolutionen wurden drinnen vorbereitet und davor begonnen. Später wurde Kaffee das “Schmiermittel” (Hygieniker Pettenkofer) der Industrialisierung in den Körpern der Arbeiter und “Nahrungsvortäuscher” (H.E. Jacob) hungernder Handwerker.

Koffein als »Umweltmarker«

Die Tatsache des weltweiten dauerhaften Kaffeekonsums wird mittlerweile in der Umweltwissenschaft genutzt. Koffein dient als “Marker” für  menschliche Abwässer in Fließgewässern. Bei der historischen Würdigung des Kaffees als Quelle dieses Koffeins stellt der Umweltwissenschaftler Prof. Dr. Michael Matthies/ Universität Osnabrück folgende steile These auf:

Zitat“Die Brauchbarkeit eines Markers hängt auch von seinem kontinuierlichen Gebrauch ab. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass eine Gesellschaft, die einmal koffeinhaltigen Lebensmitteln exponiert wurde, diesen auch nicht mehr entsagt, sie sind also mehr als eine Modeerscheinung. Versuche der Prohibition (Verbot) scheiterten. Für die kostengünstige Beschaffung von Kaffee wurde sogar das eigene Leben aufs Spiel gesetzt. Dies wird mit Beispielen belegt.”
(Analyse von Koffein als Abwassermarker in Fließgewässern / Prof. Dr. Michael Matthies/ Universität Osnabrück/ Institut für Umweltsystemforschung/ Barbarastr. 12)

Er begründet dies u.a. mit den Kaffeeschmuggel an der deutsch-belgischen Grenze nach dem 2. Weltkrieg an, der bis zu 50 Tote gekostet haben soll (deutsch-belgischer Kaffeekrieg).

Kaffeesteuer und Monopolisierung

Die dem Schmuggel zugrunde liegende westdeutsche Kaffeesteuer wird in Stufen bis 1953 drastisch gesenkt, worauf ein steiler Anstieg des Konsums einsetzt, der jedoch bald darauf nicht mehr von kleineren Rösterein, sondern von Kaffeemultis wie Tchibo, Nestle usw. befriedigt wird. Deutschland kassiert 1 Milliarde € Kaffeesteuer jährlich.

Die 5 Global-Player-Röster decken 50% des Weltmarktes ab. Der grüne Kaffeesektor ist Teil der finanzgetriebenen Rohstoffspekulation, die die Blue-Chip-Blase ablöste. Insofern könnte man die Kaffeekrise 2001-2003 und die Weltnahrungsmittel-Krise 2008 als Vorboten des allgemeinen Finanzcrashs 2008/09 einordnen.

Kaffee ist Kommunikation

Kaffee ist so selbstverständlich zum Synomyn für Kommunikation geworden, daß heute keiner mehr überlegt, wie man das »Internet-Café« anders nennen könnte. Die erste webcam im Internet zeigte den Füllstand einer Kaffeekannee (Uni Cambrige 1991). Die Software-Firma Java verwendet eine dampfende Kaffeetase als Logo. Java war der allgemeine Name für Kaffee zu Zeiten als die indonesische Insel Hauptkaffee-Lieferant war. Die Software-Bestandteile von Java heißen beans.